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Geschichten und Erzählungen

Die KI: eine außerirdische Intelligenz und deren Grenzen

Matteo Menardi Ménego (IMG_2949.jpeg)

Einmal hatte ich mir eine Rede von Paolo Bonolis angehört, die auf der Bühne der TED unter der Regie von der Universität LUISS vorgetragen wurde. Der Beitrag ist vom 11. Juni 2015 und Bonolis beginnt mit seiner Argumentation bei einem Buch, nämlich „Answer“ von Fredric Brown. Darin geht es um einige Wissenschaftler, die herausfinden wollten, ob die Frage „gibt es einen Gott“ zu bejahen sei. Um dies zu verwirklichen, bauten sie immer größere Rechner, die zunehmend stärker und „mehr super“ waren. Nach einer Weile existierten gar keine Techniker mehr, die den stärksten Rechner bauen konnten. So, endlich und in dem Abgrund der Stille, kam die lang angestrebte Antwort:

„Gibt es einen Gott? Jetzt ja.“

Bonolis wechselt dann zum Thema des induktiven oder deduktiven Wissens und der unerträglichen Schnelligkeit, zu der die Maschinen uns zwingen. Zum Schluss erfolgt ein Zitat von Guy Debord: „Die Menschen ähneln eher ihrer Zeit als ihren Vätern.”

Genau hier stolpere ich mit meinem fließenden Denken und überlege, wie der technische Fortschritt uns gerade in eine Richtung schiebt, die wir noch nicht klar sehen können. Vielleicht werden wir das, was gerade geschieht, weder definieren noch mit Worten beschreiben, die einen Bezug zum Realen haben.

Ich schrieb „außerirdische Intelligenz“ nicht einfach so in den Titel, las nämlich einen Satz von jemandem auf X, der genau dies schilderte.

Neulich hat OpenAI – die KI für den Mann auf der Straße (for the people), die den Gang an die Börse wagt (an dieser Stelle wird gezwinkert!) – auf der gleichen Benutzeroberfläche veröffentlicht, dass ein bisher ungelöstes mathematisches Problem erklommen werden konnte. Ganz schön.

Ich werde genau diesen Text auf Deutsch und dessen englischem Zwilling der Maschine und deren klaren Augen übergeben. Bewusst wird es mir sein, dass ich mit einem mächtigen Instrument interagieren darf, das meinen Befehl ausführen wird, den Text zu lesen und mir zu sagen, ob ich etwas übersehen habe. Dies wird mir verstehen helfen, wie ich in dem Fall meine Übersetzungen strukturiere – auch künftig. Noch ein dünner schwarzer Schleier wird auf diese Zeichen geklebt, sodass das Programm deren Wirkung zu mildern scheint, weil mein Schreibstil zum Beispiel redundant ist. Am Ende des Tages wird die Maschine tun, was Maschinen tun, nämlich alles zu den Standardparametern zurückzuführen. Dies wird sie zumindest versuchen und indes meine Worte einnehmen, um die eigenen Speicher zu füttern.

Also ja, die Menschen ähneln eher ihrer Zeit als ihren Vätern … In einem Zeitalter, in dem Segen wie Saaten aus diesem verrotteten Kapitalismus sprießen und wir beispielsweise den synchronen Zugang zu den Weltereignissen dabei geschenkt bekommen, besteht die Frage aller Fragen denn nicht darin, zu überlegen, was zur Hölle mit uns passieren wird; sie besteht gleichwohl nicht darin, Videos zu dem neuen Feudalismus der „Techblase“ zu drehen oder gar den Staat mit Erwartungen sowie „dem universellen Einkommen“ zu beauftragen.

Die Frage aller Fragen geht denn in zwei unterschiedliche Richtungen:

Wie wenden wir all das Erreichte so, dass eine Gesellschaft entsteht, die auf sich selbst verlassen kann? Wie – überhaupt – wählen wir ein geeignetes Vokabular, damit die Menschheit konkret und nachhaltig voranschreitet?

Dies, weil mit einer kommenden sich auf großen Sprachmodellen stützenden künstlichen allgemeinen Intelligenz die dicken Feudalherren keine neuen Worte bald weitergeben können werden.

Markus Gabriel schreibt: „Was in einer Hinsicht Verbesserung ist, kann in anderen Hinsichten Verschlechterung sein.“ Wenn wir uns selbst bei der Nutzung dieser Technologie begrenzen, sodass wir die Perfektion umgehen und konkret im Rahmen der Herausforderungen unserer Zeit im Vordergrund stehen, dann ist dieser der gute Weg zum „Neustart des Systems“.

Wohlgemerkt machen wir all das und sind uns dessen bewusst, dass das, was ich, du, sie und alle Menschen schreiben, ein ganz neuer Atemzug ist. Warum? Weil in dem Text, an dem ich gerade arbeite, „Rückenwind“ genau mit „Rückenwind“ ins Italienische übersetzt wird. Aber ich – im Zuge meiner individuellen menschlichen Erfahrung – denke an einen anderen Begriff. Das sage ich nicht, weder dir noch dem jeweiligen LLM-Modell.

Ihr werdet auf mich warten müssen und über die Worte von Han Kang nachdenken. So darf ich die aus dem Italienischen von Milena Zemira Ciccimarra vortragen:

<<Wie schwierig ist es denn für uns Menschen, menschlich zu bleiben, egal was passiert? In der dunkelsten Zeit fragt uns die Sprache, woraus wir bestehen. Sie hält den Punkt, dass die vielen Perspektiven der Menschen und Lebewesen auf dieser Erde unseres Vorstellungsvermögens bedürfen; sie verbindet uns alle miteinander. Die von der Sprache gestiftete Literatur hat notwendigerweise eine gewisse körperliche Wärme in sich. Ebenfalls notwendigerweise sind Bücherlesen und Literaturschreiben ein Akt, der sich dem, was das Vernichten vom Leben angeht, querstellt.>>

Photograph (_DSC4821.jpg) Photograph (IMG_3231.jpeg)

Was singen die Ladiner aus Anpezo?

Von dem Gipfel der Tofana di Rozes sieht man den Glockenturm ganz gut: er wurde von Silvestro Franceschi entworfen und dessen Pläne wurden durch den Wiener Architekten Hermann Bergmann fortgesetzt.

Den Bau stellte man 1858 fertig und dafür verbaute man unter anderem Dolomitgestein, das aus dem ganz nahen Fuß des Faloria kam.

Leicht findet man auch den Corso Italia (die Italienallee) und das erinnert mich an den vergangenen 30. August und jenen Tag, der die Woche der „Fešta de ra Bandes“ souverän beendet. Ich muss daher an den letzten Marsch um 19:30 Uhr denken. Die Kapelle zog gute Musik überall mit sich und richtete dadurch die Schaufenster des Zentrums für deren primäre Nutzung, nämlich Passanten widerzuspiegeln.

So habe ich auch in den gemeinsamen Spiegel geschaut und mich gefragt:

„Was singen denn die Ladiner aus Anpezo?“

Ganz bestimmt singen wir „Anpezo el nosc paés“ („Anpezo, unsere Heimat“. Dorf finde ich in dem Kontext zu wörtlich).

Es gibt aber auch andere Dinge, die wir erzählen, worüber wir singen und die uns zum Musikspielen einladen.

Ich, zum Beispiel, mag von den Pluralismen des Ampezzaner Alltags erzählen und zwar des Alltags einer Gemeinde, die sich zu einem Namen, einem Nachnamen und einem Übernamen vereint:

Cortina d’Ampezzo – Anpezo.

Außerdem will ich noch von dieser wahren Berggemeinschaft schreiben, die – genau wie alle Völker der Alpen – zusammengehört. Ein solcher Bund ist sich dessen bewusst, dass dieses weiße Rauschen im Hintergrund manche Musiknoten nie überwältigen wird.

Ich darf nicht sagen, was die Ladiner aus Anpezo singen und singen werden. Trotzdem können wir uns auf das hervorragende Beispiel der atemberaubenden Dolomiten verlassen, die uns zu Gast haben. Wir wissen sehr wohl, jeder von uns weiß, was Nebengeräusche und feine Lieder sind.

Schreiben wir weiter, komponieren wir weiter!

Matteo Menardi Ménego in ampezzanischer Tracht bei der Fešta de ra Bandes (IMG_4025.jpeg) Ampezzaner Filzhut mit Blumen auf der Flagge der Union de i Ladis de Anpezo (IMG_3984.jpeg) Fešta de ra Bandes auf dem Corso Italia unter dem Glockenturm von Cortina d’Ampezzo (IMG_4079.jpg) Abendstimmung während der Fešta de ra Bandes in Cortina d’Ampezzo (IMG_4148.jpg) Wiesen oberhalb von Cortina d’Ampezzo mit Glockenturm und Tofane (_DSC44972.jpg)

Von den Definitionen und von den Lügen, die die Berge nicht erzählen.

Über Wahrheiten, die keine Etiketten brauchen.

Nepalesische Gebetsflaggen am Serles-Gipfel (IMG_4065.heic)

Dieser Text, diese Worte, hätten den eigenen Platz vor langer Zeit finden sollen.

Diese Zeichen hätten viel früher geschrieben, eingegeben, herzlich wahrgenommen und gelesen werden sollen. Das heißt deutlich früher als die Sekunde, in der ich beschloss, jene Züge zu konkretisieren. Ich war in meiner Innsbrucker Zeit daran gewöhnt, gerade auf die Serles von der Meinhardstraße aus zu schauen und irgendwann beschloss ich, dass ich mehr erfahren wollte.

Ich werde eine Geschichte von Bergen, Definitionen und um zwei Schritte vom Himmel entfernte Augenblicke erzählen.

20. August 2024: Ein Tag der Selbstfindung.

Genau an diesem hochsommerlichen Dienstag entschied ich mich dafür, zu entdecken, hochzusteigen und auf den Gipfel jener Pyramide, die ich so lange betrachtet hatte, zu gehen.

Ich werde über einen Berg erzählen, dessen Name von Jahrtausenden Sprachgebrauch gemeißelt wurde und aus einem Zeitalter stammt, in dem eine Minderheitssprache wie das Ladinische von Cortina d’Ampezzo-Anpezo keine Etikettierung, keine Grammatikbücher sowie keine Schulprogramme benötigte.

Als freier Bergmensch suche ich immer gute Ansätze, um das Territorium um mich besser kennenzulernen. Während einer dieser spontanen Konversationen bei der Arbeit erfuhr ich dank eines Herrn, dass das Wort Berg eben als „Berg, der“ verzeichnet wird. Außer der Serles. Die sei der „einzige“ Bergname, der durch ein feminines Genus unterschieden wird. Das hieß: praktisch ganz viele Gipfelnamen seien maskulin außer in einem Fall, außer dem Berg, der sich an die Dolomiten – wo ich geboren und gewachsen bin – wagt, zu erinnern.

Eine 2717 Meter hohe Pyramide. Ich las weiter…

Der Begriff „Sonne“ wird mit einem femininen Genus im Deutschen geknüpft. Auf Ladinisch hieß es über Jahrhunderte „Suredl“, während unser Stern als „soróio“ in Anpezo-Cortina d’Ampezzo übertragen wird. In aller Klarheit, stammen „soróio“ und „suredl“ aus der gleichen Wurzel und zwar der klassischen lateinischen Wurzel „sol“. „Suredl“ gab diese Einprägung und den Bezug auf die Sonne weiter, während das im 15. Jahrhundert etablierte romanische Toponym „Sörl“ die finale Form der Serles beeinflusste. Die Tafel am Serlesjöchl legte mir an jenem Tag genau diese Deutung vor. Ich nahm sie an, wie sie sich mir zeigte.

Aber fokussieren wir uns einmal auf jenen sagenumwobenen Dienstag und jenem Sommertag voller Sonne und leeren Wolken. Als Sprachmittler und Übersetzer, der sich mit einer neuen Umgebung auseinandersetzte, fand ich diesen etymologischen Fall besonders relevant.

Wie man sagen würde: „Wenn du die Art und Weise, wie du die Welt siehst, änderst, ändert sich denn auch das, was du siehst“. So bin ich diesen steilen Weg im Stubaital gegangen – vielleicht gleich schnell, wie praktisch immer, wenn ich alleine unterwegs bin. Nach ein paar Atemzügen waren es noch einige hundert Meter bis zum „Serlesjöchl“ – eine Scharte, von der man gut über Steinach am Brenner schaut. Ich sah ein Schild, das man auf den dieser Erzählung beigefügten Bilder sieht. Ich las, warum sich die Serles „Serles, die“ heißt und ein femininer Berg ist, obwohl die deutsche Grammatik dies anders vorsähe. Im Übrigen hatte Goethe sie „Hochaltar Tirols“ benannt.

Genau nach letzter Erkenntnis wurde mein Schritttempo noch schneller.

Ich fing an zu sehen: Berggipfel und Alpendohlen, letztere durfte ich gerne ansprechen.

Am Bergkreuz begriff ich, wovon Goethe sprach: so viele Bergnamen hätte ich mir nie merken können. Eine andere Alpendohle flog mit den Flügeln und ich mit der Seele.

Ich hatte so einen Eindruck dabei, dass wir beide gleich frei und gleich gestellt waren und, dass wir vergleichbar hoch hinauf zu einem Sicherheitsabstand von dem Boden schwebten. Ich traute mich sogar, der Dohle ein Tarallo anzubieten.

Essen verbindet, das weiß man ja.

Nach einem Power-Nap am Gipfelkreuz, fing ich allmählich an, abzusteigen. Die Wolken hatten den Stubaier Gletscher umzingelt und dies fand ich auf 2717 Hm. eher nicht gut. Der Wind warf die nepalesischen Flaggen heftig herum. Ich war noch auf dem Rückweg, teilweise lief ich bergab. Zum Abendessen gab es Pizza und eine schöne Erinnerung. Gut fühlte sich auch die Müdigkeit der Beine an: es war jene Müdigkeit, die sich eher als eine Belohnung anfühlt.

Genau so war es: ich fand heraus, warum man den Hochaltar Tirols mit „sie“ anreden muss. Das über Innsbruck sich erhebende Symbol des Stubaitals, am Rande der alpinen Hauptstadt, trägt deswegen einen ewigen von den alten ladinischen Völkern gegebenen Namen, ewig wie die geometrische pyramidale Form, die der Berg zu eigener Gestalt hat. Die Serles erhielt also ein klares Toponym und, als ich in diese Geschichte tauchte, gelangte ich zur folgenden goldenen Erkenntnis:

Die Berge erzählen keine Lügen. Sie taten dies nie und werden dies nie tun.

Auf dieser Spitze oberhalb von Fulpmes im Stubaital wird es noch auf Ladinisch geflüstert.

Nun berichte ich davon, dass dies unschätzbar wertvoll ist: die reinen Berge, in deren Gesellschaft ich wachsen durfte, erzählen mehr von ihren Gebieten – zwischen eigenartigen Namen und nicht nachzuahmenden Gestalten – als Jahre Gefechte, Auseinandersetzungen, Konventionen, Frieden und Verträge je machen durften, wenn nicht konnten. Jetzt, zum springenden Punkt: die Berge brauchen keine Definitionen, weil sie über von Generation zu Generation seit dem Urknall weitergegebene Traditionen fortbestehen. Sie belehren die Menschheit als Gesamtheit, dem eigenen Ruf angemessene Definitionen zu äußern und zwar im Einklang mit der bloßen Fähigkeit, die Elemente des Realen bei Namen nennen zu dürfen.

Bei diesem großen Ganzen darf man folgendes aber nicht vergessen:

In der Époque der Moderne steht ein Berg ohne die ihm aufgedrückten Definitionen aufrecht.

Und wir?

Die Antwort zu dieser Frage bringt die von modernen Köpfen auf den sumpfigen Böden bebauten Paläste aus Kristall, die deren (Un)Sicherheiten Heim sind, zum Schwindeln. Hier spricht der Bergmensch: anders ist die Resonanz von dem über Wege erreichten Platz am Gipfelkreuz als die der Aufgabe, jene Paläste hochzusteigen - unabhängig von deren Beschaffenheit, also aus Vorstellungen sowie Edelstahl und Beton.

Die Berge äußern sich in Worten – soweit bekannt – nicht. Doch können sie etwas sehr, sehr gut: uns das Zuhören erzwingen und uns an unserer Kleinigkeit erinnern.

Sie sagen kein Wort, erzählen keine Lüge, fällen kein Urteil.

Im Gegensatz zu manchen glänzenden Glasfassaden scheuen sich die Berge vor keinen Erdbeben.

Ménego

Die Serles von Innsbrucker Straßen aus (IMG_2026.HEIC) Die Serles über Innsbruck (IMG_2038.heic) Infotafel am Serlesjöchl (IMG_4029.HEIC) Alpendohle auf der Serles (IMG_4040.heic) Panorama vom Serles-Gipfel (IMG_4052.HEIC) Gipfelgrat der Serles (IMG_4063.HEIC)

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